Wir sprechen Purpur

14.09.2020

Über die gelebte Corporate Identity im VdU Baden Nord und die "Frauenpolitische Stimme der deutschen Wirtschaft"

Ich war soeben Mitglied im VdU geworden, da lies der Verband sein Corporate Design überarbeiten. Das Logo, die Wortmarke, Keyvisuals, Schrift und zu verwendende Farben, sollten dem Zeitgeist angepasst werden.

Da ich genauso neu war, wie das neue Logo, in der neuen Farbe, hatte ich keine Identitätsprobleme mit dem Farbton Purpur. Jedoch aus den Reihen meiner Peer-Group im Verband kam harsche Kritik: so stellen sich junge Männer in angesagten Hauptstadt-Designstudios das Corporate von gestandenen - und nicht mehr so blutjungen - deutschen Unternehmerinnen vor. Vielleicht vergrault durch den wenig schmeichelhaften Ausdruck vom „letzten Versuch mit Lila“ gemünzt auf unverheiratete Damen, die zu alt für jungfräuliches Rosa, nun in Lila gekleidet vor Ablauf der Reproduktionsphase noch ein Mannsbild für sich zu gewinnen suchen, fühlten sich diese VdU-Alpha-Frauen durch das neue Corporate nicht repräsentiert. Wer trägt schon mit Stolz ein Ladenhüter-Image?

Und ja - Purpur, der Mix aus sinnlichem Rot und rationalem Blau erzeugt gemischte Gefühle. In keiner anderen Farbe vereinen sich so gegensätzliche Emotionen. Auch sehen wir nicht alle das Selbe. Auf der Schwelle zur Unsichtbarkeit bringt der langwelligste Farbreiz am Rande des Spektrums unsere L-Lichtzellen zum feuern, während direkt daneben der gleiche Reiz mit den S-Zapfen die kurzwelligste aller sichtbaren Farben erfasst. Ob wir den Purpur mit einem Stich ins Blau oder ins Rot interpretieren hängt von der Funktionstüchtigkeit unserer Sehnerven ab.

Es gibt selbstverständlich auch kulturelle Unterschiede der Farbinterpretation, die in gemischt nationaler Runde zu Differenzen führen. Männer sind dann geneigt nationale Spezialisten zu einzusetzen. Geheimrat Goethe lies deshalb in seiner Farbenlehre dem Purpur einen gewissen Spielraum. Frauen sind dazu sozialisiert alles, was nicht ihrer Farbkultur entspricht als geschmacklos zu bewerten.

Doch inzwischen ist der Farbton vom „letzten Versuch“ abgekommen und hat sich zumindest bei den Naschkatzen als „zarteste Versuchung“ eingeprägt. Ganz allgemein gilt die Palette der Farbtöne von Flieder-Lila bis Veilchen-Blau heute als gesellschaftlich rehabilitiert und steht für die Gleichstellung der Geschlechter, Modernität und Selbstbewusstsein; es ist die Farbwelt des Feminismus. Dies war keinesfalls immer so. Die Farbe Lila, sowie das dunklere Violett, kommt in der Natur nur selten vor und die Herstellung von echtem Purpur ist aufwendig und teuer. So hatte das dunkle Purpur im Mittelalter seine grandiose Hochzeit als Farbton der Macht. Purpurne Gewänder waren kostbarer als Gold und durften nur von den Herrschenden getragen werden. Noch heute zeigt sich die Queen of England anlässlich ihres 60. Thronjubiläums in einer purpurfarben gepolsterten Kutsche.

Mag sein, dass dies eine Hommage an die um 1850 in England und Deutschland beginnende Frauenbewegung ist. Diese stellte sich dreifarbig in Violett, Weiß und Grün dar; wobei Weiß die „Ehre“, Grün die „Hoffnung auf Umbruch“ und Violett den „Kampf für das Frauenwahlrecht“ symbolisierte. Frauen in Deutschland haben zwar seit 1918 das Recht zu wählen; es geht aber heute - 100 Jahre später - immer noch darum, mit dieser Stimme auch gehört und vor allem ernst genommen zu werden.

Unser Vorsitz im Landesverband Baden Nord wird nicht müde, die Stellung des VdU als „Frauenpolitische Stimme in der Wirtschaft“ zu stärken. Bezeichnender Weise tragen die beiden regionalen Vorsitzenden im Zeitraum meiner Mitgliedschaft die purpurne Kampfansage schon im Vornamen: Viola - Veilchen - Marguerre und Erika - Heidekraut - Schroth. Umfassender kann das VdU-Corporate kaum noch gelebt werden.

 

Nora Winter ist seit 2019 verantwortlich für die Digital Public Relation im VdU Landesverband Baden Nord

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